Sprachspiegel-Buchtipp, Juni 2013

«Artig» reden – auf Schweizer- und auf Hochdeutsch

Christian Schmid: Blas mer i d Schue. 75 Redensarten – Herkunft und Bedeutung. Cosmos 2013. 224 S., Fr. 36.-

Duden 11: Redewendungen. Wörterbuch der deutschen Idiomatik. Dudenverlag, 4. Aufl. 2013. 928 S., ca. Fr. 40.-

«Ds Gurli fiegge» – diese Redensart wird kaum jemand wörtlich ins Hochdeutsche zu übertragen versuchen, zumal sie nicht einmal im Bernbiet alle noch verstehen. Aber wie steht es mit «Blas mer i d Schue», das dem neuen Buch des unlängst pensionierten Radioredaktors Christian Schmid den Titel gegeben hat? Es gehört zur grossen Familie der Abwandlungen von «leck …», die auch im neu aufgelegten Redewendungen-Duden vertreten ist. Er verzeichnet, mit einem Beleg aus Österreich, die Variante «die Schuhe aufblasen». Die beiden Bücher zeigen, dass Schweizer- und Hochdeutsch bei den Redensarten mehr Gemeinsamkeiten als Exklusivitäten aufweisen.

Christian Schmid hat 75 träfe Aussprüche ausgewählt und geht (auf Hochdeutsch) jedem von ihnen nach, bis tief in die Geschichte und breit in die Geografie. Für «Gurli fiegge» etwa – das aus dem Einwachsen von Tuch stammt und «zurechtweisen» bedeutet – findet er als hochdeutsches Pendant die «Abreibung». In die Schuhe geblasen wird ebenfalls im Elsass, in Vorarlberg und bei den Schwaben. Zuweilen räumt der Mundartspezialist auch mit verbreiteten Irrmeinungen auf. Dazu rechnet er mit guten Argumenten die Ansicht, «en guete Rutsch» wurzle im jüdischen Neujahrsfest Rosch ha-Schana. Während der Duden diese Ableitung für «wahrscheinlich» hält, hat Schmid keine Belege dafür gefunden, wohl aber alte Verwendungen von «Rutsch» für «Reise».

Helvetisches im Duden

Die Erläuterungen im Duden sind naturgemäss viel knapper, dafür enthält der Band eine ausführliche Einleitung über die Linguistik der Redensarten. Unter den 500 neuen Einträgen (von über 10'000) fallen hierzulande altvertraute auf, so «(k)ein Büro aufmachen», «(kein) Musikgehör haben» und «Sonderzüglein»; sie alle werden als «schweiz.» gekennzeichnet. Eher befremdlich wirken auf Schweizer Ohren – zumindest derzeit noch – «in die Bucht schmeissen», nämlich bei e-Bay versteigern, «sich freuen wie ein Schnitzel» (ohne Erklärung) oder «sich (k)eine Rübe machen», d. h. (keine) Gedanken. Verzeichnet ist auch «auf den letzten Drücker», wie es hiesige Gazetten in letzter Zeit für «mit knapper Not» ebenfalls zu sagen belieben. Den Schreibern sollte man «ds Gurli fiegge».

© Daniel Goldstein (Sprachspiegel)